Die “Community”
Die Community in der ich mein Fsj verbringe und arbeite besteht aus vier Häusern. In drei der Häusern leben Behinderte (wir nennen sie “Residents” oder “people with special needs”) mit ihren Co-Workern, also Zivis oder Freiwilligen zusammen. Außerdem hat jedes dieser Häuser einen Senior Co-Worker. Dies sind junge Erwachsene, die entweder durch jahrelanges Arbeiten mit Behinderten, oder durch ihre berufliche Ausbildung mehr (oder auch weniger) Erfahrung mit sich bringen. Ihre Aufgabe besteht darin, uns bei der Arbeit mit unseren Residents beratend zu Seite zu stehen, oder Notfalls selber einzuspringen. Auch sollten sie das Haus am laufen halten, das heißt Lebensmittel ordern und andere Dinge des täglichen Bedarfs.
In dem vierten Haus leben nur Co-Worker, da in den anderen nicht genügend Schlafplätze vorhanden sind, um alle unterzubringen. Alle Häuser sind rein optisch ganz normale Wohnhäuser und auch genauso ausgestattet. Natürlich sind hier und da ein paar behindertengerechte Geräte und Bauten vorgenommen worden, aber im Groben und Ganzen sind es Wohnhäuser. Die Häuser die unsere Residents ihr zu Hause nennen.
In unserer Gemeinschaft Leben wir mit schwerbehinderten Menschen zusammen - von Autismus über Epilepsie bis zum Mondscheinsyndrom sind viele geistige und körperliche Behinderungen vertreten. Alle Residents sind im jüngeren Alter zwischen 25-35 Jahre. Keiner davon ist an den Rollstuhl gefesselt oder gar an sein Bett, wenngleich der Großteil doch in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt ist.
Wir begleiten sie den ganzen Tag, helfen ihnen bei ihren Bedürfnissen, beschäftigen sie mit verschiedenen Tagesaktivitäten (Spazieren gehen, Malen, Schwimmen etc.), kochen für sie und halten ihre Häuser in Schuss!
Ich lebe und arbeite in “Stone Cottage”, dem kleinsten Haus, in welchem Behinderte mit Co-Workern zusammen leben. Ich wohne hier mit meinem Resident Alan und seinem zweiten Co-Worker, mit dem ich ein Team bilde (oder besser gesagt sollte - was nicht immer ganz hinhaut). Hinzukommt Laura, sie ist schwerbehindert und auf dem geistigen Level eines acht Monate alten Säuglings. Für sie sorgen zwei Co-Workerinen, wovon allerings aus Platzmangel nur eine hier schläft. Letztendlich wohnt auch unsere Senior Co-Workerin mit uns unter einem Dach, einer 29 jährigen Südafrikanerin deren Freiwilliges Soziales Jahr nun schon fünf Jahre dauert.
Ich hatte mit meinem Zimmer verdammtes Pech. Von der Größe her entspricht es eher dem Ort, an dem Boris Becker seine uneheliche Tochter gezeugt hat: einer Besenkammer! Ganze sechs Quadratmeter misst mein Zimmer, wo ein Bett, eine Kommode (welche gleichzeitig als Nachtisch dient) und ein Kleiderschrank, der aus drei oder vier Eisenstangen zusammengesetzt wurde, Platz finden (oder halt auch nicht). Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich keine 30 Kilo Gepäck mitgenommen. Hinzukommt, dass mein Zimmer zwischen Wohn- und Esszimmer und gegenüber von der Eingangstür, einem Klo, der Treppe und dem Telefon liegt. GEIL!
Wer noch nicht in England war, den muss ich jetzt aufklären: Ich weiß nicht ob allgemeingültig, aber zumindest kann ich das an genügend Englandaufenthalten belegen - englische Häuser sind schlecht isoliert (kalt), haben nicht die beste Statik (schief) und keine Schallisolierung (laut). Der letzte Punkt stört mich und meinen guten Freund den Schlaf am meisten. Denn wenn ich dann ma meinen einen freien Tag in der Woche habe, möchte ich ausschlafen. Geht aber nicht! Spätestens um neun wenn das Frühstück anfängt könnte ich schwören, dass die Leute die an sich nebenan im Esszimmer sind, in meinem Zimmer sitzen. Auf deutsch: Mein Zimmer ist der ungeeignetste Platz zum Schlafen!
Ansonsten geht unser Haus an sich klar. Wir haben ein gemütliches Wohnzimmer, Esszimmer, die Küche wär nicht der Traum meiner Mutter, aber als Student wäre man schon neidisch. Die Badezimmer sind, wie eben englische Badezimmer sind. Unser Haus wird oft von den anderen Häusern als “Lazy Cottage” bezeichnet. Haben sie gar nicht mal so Unrecht, denn unserer Flachbildfernseher, den Panasonic uns freundlicherweise gespendet hat, wird von ein paar einladeden Sesseln und Couchen umgeben;-)
Erwähnenswert wäre dann noch Alans Zimmer. Es ist ein Kinderzimmer wie aus dem Film. Babyblaue Tapete mit Postern von Thomas der Lokomotive und Toy Story 2. Ein Holzbett dessen Kissen und Decke wahlweise mit Thomas- oder Buz Lightyearlaken bezogen werden. Auf dem weißen Fensterbrett stappeln sich die Spielfiguren und Plüschtiere, das Familienbild steht auf der Holzkommode und daneben eine Kiste mit Kinderbüchern.


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