Ich bin wieder zu Hause. Nein, nicht nur zu Besuch, ich bin aus England abgereist und habe auch nicht vor, in die Gemeinschaft zurückzukehren. Ich habe schon in Artikeln über mein FSJ kritische Töne aufblitzen lasse, ich war in dem Laden einfach nicht zufrieden. Es war keine bestimmte Situation oder Gegebenheit die mich störte, sondern alles zusammen. Und am Ende war es der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte.

Es störte mich nicht, dass wir kein Auto mehr hatten! Es störte mich, dass wir kein Auto mehr hatten, am Arsch der Welt wohnten, man uns jede Woche ein neues Auto versprach (aber keins bekamen), wir nur einen freien Tag in der Woche hatten und wenn wir was unternehmen wollten, auf Seniors oder Manager angewiesen waren, um zur Bushaltestelle zukommen mit ihnen aber nur spontan rechnen konnte, dann eine Stunde an der Bushaltestelle saßen, weil wir mal wieder zu spät gebracht wurden, danach 2-3 Stunden im Bus verbrachten.
Es störte mich auch nicht, dass wir statt 12 Stunden plötzlich 13-15 Stunden pro Tag arbeiten mussten! Was mich störte war, dass wir 13-15 Stunden arbeiten mussten und dafür keinen Cent mehr gesehen haben, unser Kühlschrank regelmäßig am Ende der Woche Ebbe an Grundnahrungsmittel aufwies, das Internet nicht richtig funktionierte, wir Telefonkarten benutzen mussten, welche mich selten nach Deutschland durchstellten, ich kein einiziges Mal in meinen dreieinhalb Monaten ausschlafen konnte und es im Haus arschkalt war.

Doch das wirklich Schlimme waren die menschlichen Qualitäten unserer Manager (sind übrigens zwei Frauen die sich nicht verstehen, aber so tun als ob) und Senior Co-Worker. Es war schon fast bewundernswert wie sie eine Doppelmoral aufrecht erhalten konnten und dabei so selbstgefällig und überzeugend ihre Personen vertraten. Von dir wurde etwas erwartet, was sie selber nicht einhalten konnten oder wollten. Sie waren überzeugt von sich und ihrem Handeln. Schafften es, Regeln aufzustellen, sie eine Sekunde später zu brechen und dir danach die Schuld in die Schuhe zu schieben. Oder du wurdest einfach nur angesaugt oder links liegen gelassen. Das Gute war nur, dass man sie selten sah.

Natürlich haben sich auch viele Probleme auf unsere Residents niedergeschlagen. Natürlich bekamen und bekommen sie mit wenn nicht mehr genug Essen vorhanden ist, sie bekommen auch mit wenn schlechte Stimmung im Haus herrscht, wenn jeder nur noch das nötigste macht und wir Co-Worker vor unseren Residents mit gehobenen Stimmen zurecht gewiesen werden. Auch bekamen sie mit, dass wir keine Fahrer hatten, daher verbrachten wir auch 60% der Zeit mit ihnen vor dem Fernseher, anstatt Aktivitäten auserhalb unseren Ortes zu starten!

Seitdem ich meine Klappe einmal aufgemacht hatte, nämlich einer Managerin in einem Haustreffen viele der oben genannten Dinge geschildert habe, da wir in meinem Haus ernsthafte Probleme mit den Problemen hatten, hatte ich ein Problem! Ich war zu dem Idioten aufgestiegen, der Ursprung aller Problemen war. Meine Güte gab es viele Probleme!

Ich hätte mir vorher denken können, dass das Motto unseres wöchentlichen Haustreffens “Ihr dürft über Probleme sprechen, doch dann habt ihr ein Problem!” war. Ich konnte auf einmal verstehen, warum alle in meinem Haus den Managern immer in den Arsch krochen oder sich übertrieben anstrengten zu lächeln und danach erst anfingen sich aufzuregen. Mir fiel auf, dass die Leute, über welche ich mich deswegen tierisch aufregte, mir in diesem Punkt voraus waren oder zumindest die bessere Taktik gewählt hatten, ob bewusst oder unbewusst. Doch zu dem Zeitpunkt dieser Erkenntnis war es bereits zu spät. Ich war bei den Managern der Schwarze Peter, konnte selber auf der anderen Seite aber auch nicht mehr die Motivation aufbringen, mit anfänglicher Hingabe und Überzeugung zu arbeiten.
So setzte ich mich mit unseren zwei Managerinen an einen Tisch, und sagte ihnen, dass ich glaubte, dass dieser Ort momentan nicht der richtige in meiner Entwicklungsphase sei. Ich stieß auf völliges Verständnis, welches sich im Nachhinein allerdings wieder relativieren sollte. Ich war regelrecht überrascht, dass sie mir Hilfe anboten, eine neue Gemeinschaft zu finden. Sie hätten schließlich selber Söhne und könnten meine Situation verstehen. Wir machten aus, dass ich bis Ende Februar definitiv bleiben könnte, aber sie mich unterstützen wollten, so schnell es ginge eine passende Gemeinschaft für mich zu finden, da sie entsprechende Verbindungen hätten.

Gute zwei Wochen später kam der schon angesprochene Tropfen, der mein Fass zum überlaufen brachte. Eine Managerin kam in unser Haus, reichte mir einen Wisch, den ich für mein Kindergeld brauchte und fragte mich im Türrahmen, ob ich schon eine neue Community gefunden hätte. Ich war ein wenig verduzt, da sich ihre zugesagte Hilfe bisher auf eine Gemeinschaft, welche Gemüse im Moor anpflanzt, noch mehr am Arsch der Welt liegt und mir nicht eimal ein Taschengeld zahlen konnte, beschränkte. So musste ich verneinen. Dann war es soweit: “We want you to leave latest at the 15th of january ´cause we need your room!”

Ich war so empört, dass ich nichts mehr sagte und verständnisvoll nickte. Selbstzufrieden fügte sie hinzu, dass sie einen Neuen für mich hätten.

Als ich realisierte, gerade mehr oder weniger rausgeworfen worden zu sein, breitete sich Wut in mir aus. Hinzu kam, dass ich zutiefst entäuscht war, da die Hoffnung, ein vernünftiges Ende zu finden, mit einem Male in weite Ferne gerückt war. Ich empfand es als hinterlistig und verachtend so mit mir um zuspringen. Auf der anderen Seite konnte ich verstehen, dass sie weiter planen müssten. Doch weder haben sie zu wenige Räume, noch ist es der richtige Ort einen jungen Erwachsenen zwischen Tür und Angel eine Frist zu setzten. Und: Hätten sie sich so ihren Söhnen gegenüber verhalten?

Drei Tage später brach ich auf, ich hatte mich entschieden nach Deutschland zurückzukehren. Ich hatte einfach genug und sah keine Grundlage mehr dort zu arbeiten. Ich war nicht in der Hölle gelandet, aber zumindest an keinem Ort wo ich gerne lebte. Ich weiß nicht, was ich im einzelnen zu der Situation beigetragen habe, sicherlich bin ich kein Unschuldlamm. Doch ich glaube, mich zumindest fair und ehrlich den Managern gegenüber verhalten zu haben. Vielleicht sind diese Eigenschaften nicht mehr überall erwünscht!
Ich weiß auch nicht, ob ich mich darüber freuen soll, dass mein “Nachfolger” abgesagt hat und die Gemeinschaft jetzt mit einem Mann weniger darsteht, irgendwie neige ich doch zu leichten Rachegelüsten. Auf der anderen Seite begebe ich mich damit auf das selbe untere Level, welches mein Blut zum Kochen brachte. Und man darf nicht vergessen: Die großen Verlierer, sind einzig die behinderten Menschen!