Als ich angefangen habe, über ein soziales Engagement im Ausland nachzudenken, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, dass ich Probleme mit meinem Umfeld bekommen würde. Ich hatte nie Scheu davor mit Menschen in Kontakt zu treten, Freundschafften zu schließen und Meinungen auszutauschen. Zudem ging ich immer davon aus, dass junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 22, welche ins Ausland gehen um ihren Dienst abzuleisten oder aus eigen Interesse soziale Projekte besuchen, ein Typ Mensch ist, der aufgeschlossen, interessiert, kommunikations- und diskusionsfähig ist.

Entweder ist der Ort an dem ich mich nun befinde und den damit verbundenen Menschen der Gegenbeweis, oder, was ich stark hoffe, eine Ausnahme der Regel!

Dass man in einer Gemeinschaft auf viele unterschiedliche Charaktere trifft, mit vielen Leuten auf engstem Raum zusammenarbeitet und -lebt, sagt das Wort “Gemeinschaft” ja schon selber. Darin sah ich aber keinen Grund besorgt zu sein, als ich nach England geflogen bin. Vielmehr, dass ich mit Behinderten Menschen zusammen arbeiten muss.

Doch dass im Leben vieles anders kommt als gedacht, daran wurde ich nach einigen Tagen erinnert. Nun habe ich mit dem Hintern Abwischen ( was nur ein Bruchteil meiner Arbeit darstellt) weniger Probleme, als bei dem Umgang mit den anderen Co-Workern. Nur als Randnotiz: Jemanden den Hintern abzuwischen ist nicht schwer und auch nur halb so ekelig, wie es sich der Großteil junger Menschen vorstellt.

Was ist also mein Problem? Ganz eindeutig die Anderen. Klingt simpel - zum Glück ist es das manchmal aber auch!

Ich komme mit meinem Resident richtig gut zurecht. Ich habe jeden Scham und jede Angst abgelegt, Alan ins Bad zu begleiten. Alle Sorgen sind verpuft und ich sehe es als normal an, mit Menschen zu leben, die auf Hilfe anderer angewiesen sind. Wer sind also meine “Mitstreiter”, die mich schon früh zu dem Gedanken geführt haben, eine andere Gemeinschaft aufzusuchen?

Gerade diese Frage fällt mir sehr schwer, denn ich habe dafür keine passenden Worte, ausführlich zu beschreiben, um welchen Typ/Typen Mensch es sich handelt. Daher habe ich drei Ansätze, die mein Problem darstellen könnten.

1. Ich bin von einer so großen Zahl an “komischen” Menschen umgeben, dass mein Gehirn aus Angst vor Überhitzung abschaltet, wenn es um passende und erklärende Worte geht.
2. Es gibt keine passenden Worte.
3. Es sind zu viele Worte vorhanden und mein Gehirn scheitert bei dem Versuch alle in einem sinnvollen Satz zu verknüpfen.

[Nummer 1 und 3 gefallen mir persönlich nicht (was sie aber nicht ausschließt), da es gleichbedeutend damit ist, dass meinem Gehirn Grenzen gesetzt sind.]

Doch ich kann beschreiben was mir fehlt. Ich vermisse Freundschaft und Spaß.

Ich habe in meinem letzten Artikel geschrieben, dass ich die Schule vermisse. So ganz stimmt das nicht, ich vermisse vielmehr die Menschen. Ich hatte immer Glück, dass ich in meinem Kursen mit mindestens zwei bis drei Freunden saß. So konnte man über den Unterrichtsstoff diskutieren, streiten, oder gar nicht aufpassen und rumalbern. Und wenn man einen guten Tag erwischt hat, schafften wir es sogar, alles auf einmal zu machen:-)

In der Gemeinschaft, in der ich schon seit drei Monaten lebe, finde ich keine Menschen mit den ich mich unterhalten, über Geschehnisse diskutieren und Erlebtes austauschen kann. Ich finde niemanden mit dem ich eine Freundschaft eingehen, oder gar vollends vertrauen würde! Denn die Menschen sind falsch, für ihr Alter nicht reif, oder fühlen sich besser als man selber. Daher wird sehr viel hinter dem Rücken anderer gesprochen. Doch das Schlimme ist, jeder zieht über jeden her. Man kann also nicht mal sicher sein, wenn man mit einer Person über jemanden anderes läster, dass diese Person zu der gescholtenen Person geht und anfängt über dich zu lästern.

Ein weiteres Problem ist, dass die Leute in der Gemeinschaft Probleme nicht aussprechen, aber wenn man sie auf Probleme anspricht, nehmen sie es persönlich. So besteht einfach keine kommunikations Grundlage, wenn ich oder andere nicht einmal in der Lage sind, konstruktive Kritik zu üben. So geschehen, habe ich vor einigen Wochen, einem Co-Worker aus meinem Haus gesagt, dass ich beobachtet hätte, dass er Dinge benutzt, sie danach aber nicht zurückstellt, den Deckel drauf macht oder abwäscht. Er war schon ziemlich angepisst und kam zwei Wochen später mit einem Lächeln zu mir ins Wohnzimmer und warf mir vor, dass ich kein bisschen besser sei als er, da ich heute vergessen hätte den Deckel auf das Kaffeepulver zu machen-Geil!

Desweiteren wird in meinem Haus den ganzen Tag damit verbracht, Fehler des Manegments oder der Senior Co-Worker anzuprangern. Es wird kein Fehler übersehen und sie besitzen sogar schon die Gabe kommende Fehler vorher zu sagen. Doch wenn sie die Chance besitzen, Fehler anzusprechen, kommt kein Wort der Kritik aus ihrem Munde, vielmehr kriechen sie den Managern noch in den Arsch. Das hat mich so angewiedert, dass ich mir eines Tages mein Herz geschnappt habe, und unserer Hausmanagerin die Probleme aufgezeigt habe. Ich habe knappe zwei Stunden geredet und meine Mitbewohner waren nicht in der Lage wenigstens ein paar unterstüzende Worte hinzu zufügen - für mich ein Armutszeugnis

GROSSE Klappe nichts dahinter!

Ich habe jetzt drei Tage an diesem Artikel getüftelt, habe Ideen gehabt, sie verworfen und habe keine Ahnung ob es mir gelungen ist, Außenstehenden einen Eindruck zu vermitteln, warum ich Probleme habe, mit den Leuten auf vernünftige Art und Weise zu kommunizieren. So grenze ich mich nicht gänzlich ab, versuche aber einen gewissen Abstand einzuhalten. Es ist allerdings nicht so, das ich nie mein Zimmer nach der Arbeit verlasse, natürlich unternehme ich auch etwas mit den anderen, es hält sich nur im Rahmen. Auch wäre es vielleicht ungerecht, dass ich jeden in den selben Topf schmeiße. Sicherlich sind hier Leute die ganz in Ordnung sind. Doch ganz in Ordnung ist nicht das was ich suche. Ich muss mich aber vorerst damit abfinden!

Zuletzt möchte ich noch ein Beispiel geben, was ich im Nachhinein lustig finde: Ich habe meinen Hausbewohner gefragt, ob ich mir einen James Bond Film ausleihen dürfte, da ich diesen mit einem anderen Co-Worker schauen wollte. “Auf jeden Fall!” So kam ich nach der Arbeit zu ihm und fragte, ob ich mir einen der Filme nehmen dürfte. “Welchen denn?” Ich antwortete ihm, dass ich keine Ahnung hätte, ich wollte sie einfach mal durchschauen und mir einen raussuchen. “Guck ma im Internet, da ist eine Liste mit allen James Bond Filmen. Dort steht auch welcher Schauspieler die Hauptrolle hat, das Thema, das Erscheinungsjahr….”

- Man das ist mir doch egal ich will mir die Hülle angucken und das schönste Cover gewinnt.

- Welcher Schauspieler soll denn James Bond sein? (dabei fing er schon an im Internet nach einer geeigneten Liste zu schauen)

- Boah kein Plan ist mir egal, kann ich nicht einfach in dein Zimmer gehen und mir einen aussuchen?

- NEIN! Ich will nicht dass du jeden Film und jedes Cover anpackst: Das ist schließlich eine James Bond Collectors Box.

Da war ich schon gut von den Socken. Da ich wusste dass in seiner “James Bond Collectors Box” Casino Royale nicht enthalten war, fragte ich ihn:

- Kann ich deine Casino Royal DVD haben, die du letzte Woche zusätzlich gekauft hast?

- Nein, die ist noch eingeschweist und ich öffne die erst an dem Abend bevor Quantum of Solance rauskommt.

Ich lasse das jetzt einfach mal unkommentiert wirken!